Was sich verändert, wenn KI selbstverständlich wird
Ein Nachmittag in Riehen über Organisation, Führung und die Frage, was zu gestalten bleibt, wenn KI zum selbstverständlichen Teil der Arbeit wird.

Lange kreiste die Diskussion über künstliche Intelligenz vor allem um ihre Möglichkeiten. Was kann sie? Welche Aufgaben kann sie übernehmen? Welche Werkzeuge sollten Unternehmen einsetzen?
Inzwischen verschiebt sich die Frage. KI ist in Unternehmen angekommen. Erste Erfahrungen liegen vor, Governance-Strukturen entstehen, Prozesse werden automatisiert und KI-Systeme beginnen zu analysieren, auch zu empfehlen und zu handeln.
Damit wird aus einer Technologiefrage zunehmend eine Frage von Organisation, Führung und Verantwortung.
Mit dieser Verschiebung haben wir uns am 24. September bei Czwalina Consulting in Riehen beschäftigt. Unter dem Titel «Kaum zu fassen!? Menschsein im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz» kamen Führungskräfte und Gäste aus unterschiedlichen Unternehmenswelten zusammen. Im Zentrum stand eine bewusst offen gehaltene Frage: Was darf KI übernehmen und was muss beim Menschen bleiben?
Zwischen Möglichkeit und Praxis liegt viel Arbeit
Hans-Jürg Schürch, Group HR Leiter der fenaco-Gruppe, berichtete aus einer Organisation, in der die Digitalisierung des Personalwesens längst konkrete Gestalt angenommen hat. Wer KI in reale Unternehmensprozesse integriert, trifft schnell auf Fragen, die in der allgemeinen Technologiedebatte leicht untergehen: Welche Daten dürfen verwendet werden? Welche Systeme sind zugelassen? Wo braucht es menschliche Kontrolle? Wie werden Mitarbeitende befähigt, Ergebnisse zu prüfen?

Schürch verwendete dafür einen Begriff: Plausibilisierung. KI-Kompetenz bedeutet in diesem Verständnis nicht allein, ein System bedienen zu können. Sie bedeutet auch, dessen Ergebnis einordnen, hinterfragen und gegebenenfalls verwerfen zu können. Das klingt zunächst nach Governance. Was müssen Menschen können, wenn Maschinen immer mehr können?
Was passiert, wenn KI tatsächlich produktiv macht?
Uwe Neumeier, Vorstand der Stiftung Kirchliches Rechenzentrum Südwestdeutschland, ging einen Schritt weiter: Was geschieht, wenn KI nicht mehr nur einzelne Prozesse unterstützt, sondern die Leistungsfähigkeit einer Organisation insgesamt verändert? Sein Vortrag trug den Titel «KI beschleunigt. Führung verändert sich. Verantwortung bleibt.» Seine zentrale Frage war, was mit Unternehmen geschieht, wenn Analyse, Intelligenz und Handlungskapazität plötzlich skalierbar werden.

Angenommen, KI steigert die Produktivität von Wissensarbeit erheblich. Zunächst entsteht dadurch freie Kapazität. Unternehmenswert entsteht daraus noch nicht automatisch. Erst Managemententscheidungen bestimmen, ob diese Kapazität in niedrigere Kosten, mehr Output, höhere Geschwindigkeit, bessere Qualität oder neues Geschäft übersetzt wird.
Neumeier verdichtete diesen Gedanken in einem einfachen Gedankenexperiment: Wenn KI ganze Aufgaben und Prozessschritte übernimmt, sagen wir, 30 Prozent unserer heutigen Wissensarbeit, würden wir dann einfach 30 Prozent effizienter arbeiten? Oder brauchen Unternehmen dann andere Strukturen als heute?
«Der entscheidende Übergang: vom KI-unterstützten Mitarbeiter zum KI-unterstützten Unternehmen.»
— Uwe Neumeier
Was nicht automatisch besser wird
Die Podiumsdiskussion öffnete eine weitere Dimension. Stefanie Kreusel beschrieb ihren Blick auf KI als grundsätzlich offen und positiv, zugleich aber kritisch und «in gewisser Weise auch ein bisschen unheimlich». Wo Technologie Menschen von gefährlicher oder körperlich belastender Arbeit entlastet, sah sie klare Vorteile. Anders dort, wo Technologie menschlichen Kontakt ersetzen würde – etwa in Betreuung und Pflege.

Auch Effizienz hat eine zweite Seite. Diese Frage nach den Folgen von KI betrifft Tätigkeiten und die Entwicklung von Erfahrung. Neumeier sprach in diesem Zusammenhang vom «Talent-Paradox»: Wenn KI Aufgaben übernimmt, an denen jüngere Mitarbeitende bislang Erfahrung sammeln, etwa Recherche, erste Analysen oder Dokumentation, wo entstehen dann die Experten von morgen?
Unternehmen können heute Produktivität gewinnen und zugleich Lernräume verkleinern, in denen Erfahrung und Urteilskraft entstehen.
Was Führung daraus macht
Wenn Wissen schneller verfügbar und Standardanalysen automatisierbar werden, verschiebt sich auch der Wert menschlicher Arbeit. Neumeier stellte der automatisierbaren Produktion von Wissen andere Fähigkeiten gegenüber: Urteilskraft, Kontext, Priorisierung, Verhandlung, Entscheidung, Verantwortung und Vertrauen.

Johannes Czwalina nahm diesen Gedanken im Schlusswort auf. Je schneller sich Technologie entwickelt, desto drängender wird die Frage, woran wir Entscheidungen orientieren und was Bestand haben soll.
Damit wurde aus der Ausgangsfrage «Was darf KI übernehmen und was muss beim Menschen bleiben?» eine Reihe konkreterer Fragen:
Was machen wir mit der Produktivität, die KI freisetzt?
Welche Strukturen würden wir heute anders bauen?
Wo lernen die Experten von morgen?
Welche Entscheidungen wollen wir tatsächlich an Systeme abgeben?
Und wer trägt Verantwortung, wenn sie es tun?

Darauf wird jedes Unternehmen eigene Antworten finden müssen. Entscheidend ist, die Fragen nicht erst dann zu stellen, wenn die Technologie die Antwort bereits vorgegeben hat.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Führungsaufgabe im Umgang mit KI: nicht nur zu entscheiden, wo sie eingesetzt wird, sondern welche Organisation durch ihren Einsatz entstehen soll.
Diesen Dialog wollen wir fortsetzen mit Menschen, die den Wandel in ihren Unternehmen konkret gestalten.
Über CC Czwalina Consulting AG
Die CC Czwalina Consulting AG, gegründet 1993, begleitet Unternehmen und Führungskräfte in Fragen von Leadership, Transformation, Personalentwicklung, Talentgewinnung und organisatorischem Wandel. Seit über 30 Jahren beschäftigt uns dabei eine Frage: Wie entstehen gute Menschenentscheidungen und welche Bedingungen brauchen Menschen und Organisationen, damit sie auch langfristrig bewähren?











