Wenn gute Bedingungen nicht mehr binden


Im Frühjahr 2026 hat Gallup den State of the Global Workplace 2026 Bericht für das Jahr 2025 vorgelegt. Der Bericht untersucht jährlich, wie Beschäftigte weltweit Arbeit und Leben erleben, darunter Engagement, Lebensbewertung, täglicher Stress, negative Emotionen und die Einschätzung des lokalen Arbeitsmarkts.

Für die Schweiz fällt in der aktuellen Ausgabe vor allem ein Wert auf: Nur 8 % der Mitarbeitenden gelten als engagiert. Gallup versteht darunter nicht allgemeine Zufriedenheit, sondern psychologische Verbundenheit mit Arbeit, Team und Arbeitgeber. Zum Vergleich: Deutschland liegt bei 11 %, Österreich bei 9 %, der europäische Durchschnitt bei 12 %, der globale Durchschnitt bei 20 %.

Diese Zahl heisst nicht, dass 92 Prozent der Beschäftigten innerlich gekündigt haben. Sie heisst auch nicht, dass Schweizer Unternehmen als Arbeitgeber unattraktiv geworden sind. Sie zeigt etwas Subtileres: Echte psychologische Bindung ist selten geworden, selbst in einem Land, das für Stabilität, hohe Löhne und professionelle Arbeitsbedingungen steht.

Besonders aufschlussreich ist die langfristige Entwicklung in der Schweiz selbst. Der Anteil engagierter Beschäftigter ist von 16 Prozent (2012) auf 8 Prozent (2025) gefallen. Parallel dazu ist die Lebensbewertung gesunken – Gallups Mass dafür, wie Menschen ihr Leben heute und in fünf Jahren auf einer Skala von 0 bis 10 einordnen. Wer beide Werte als hoch bewertet, gilt als «thriving». Dieser Anteil sank in der Schweiz von 73 Prozent (2012/2013) auf 46 Prozent (2025).

Beide Linien fallen aber nicht aus denselben Gründen. Die Lebensbewertung hat äussere Treiber: Pandemie, Inflation, geopolitische Lage. Engagement hat diese Erklärung nicht. Löhne, Sicherheit und Arbeitsmarkt blieben in der Schweiz stabil. Wenn Engagement trotzdem halbiert, liegt die Ursache im Inneren der Organisationen, nicht im Umfeld.

Die Schweiz hat kein klassisches Arbeitgeberattraktivitätsproblem. Löhne, Beschäftigungssicherheit und Lebensqualität bleiben im Vergleich stark. Genau hier liegt die Spannung, die die Gallup-Zahl bemerkenswert macht.

In einem Land, in dem die äusseren Rahmenbedingungen über Jahre hinweg stabil und überdurchschnittlich sind, fühlt sich nach derselben Messmethode nur ein kleiner Teil der Beschäftigten psychologisch stark an Arbeit, Team und Arbeitgeber gebunden.

Das ist ein Hinweis auf eine schleichende Entkopplung: Gute äussere Rahmenbedingungen führen nicht mehr automatisch zu innerer Bindung. Diese Bindung entsteht nicht allein durch Lohn, Sicherheit oder Reputation, sondern im täglichen Erleben von Führung, Teamklima, Vertrauen, Anerkennung, Entwicklung, Sinn und der Balance von Anforderungen und Ressourcen.

Die naheliegende Erklärung, dass Unzufriedenheit mit dem Arbeitgeber die Ursache sein müsste, trägt nicht weit. Zufriedenheit und Engagement messen unterschiedliche Dimensionen der Arbeitserfahrung. Wer beides verwechselt, kann zu früh Entwarnung geben.

Das Bundesamt für Statistik weist für 2022 eine hohe Arbeitszufriedenheit aus: 83 % der Erwerbstätigen waren generell ziemlich, sehr oder extrem zufrieden mit ihrer Arbeit. Gleichzeitig zeigt dieselbe Publikation, dass arbeitsbezogener Stress seit 2012 zugenommen hat von 18 % auf 23 %. Die relevante Beobachtung ist daher nicht, dass Zufriedenheit und Engagement direkt vergleichbar wären. Sondern dass hohe Zufriedenheit, steigende Belastung und niedrige psychologische Bindung nebeneinander sichtbar werden.

Auch innerhalb der BFS-Daten sollten die 83 % nicht als einfache Entwarnung gelesen werden. Bei Erwerbstätigen mit mehreren psychosozialen Risiken fällt die Arbeitszufriedenheit deutlich tiefer aus als bei Personen mit wenigen solchen Risiken. Besonders ausgeprägt ist der Unterschied bei sozialer Unterstützung: Wer wenig Unterstützung erlebt, berichtet deutlich seltener hohe Zufriedenheit als Personen mit ausreichender Unterstützung.

Die verfügbaren Schweizer Daten ergeben kein einfaches Bild. Sie beleuchten unterschiedliche Ebenen: Gallup zeigt den Befund der psychologischen Bindung. Das Barometer Gute Arbeit von Travail.Suisse und der Berner Fachhochschule beschreibt, wie Beschäftigte ihre Arbeitsbedingungen in den Dimensionen Motivation, Sicherheit und Gesundheit erleben. Das Bundesamt für Statistik liefert eine öffentliche Gesundheits- und Arbeitsmarktstatistik und zeigt, dass arbeitsbezogene Belastungen in der Erwerbsbevölkerung über die Zeit zugenommen haben. Der Job-Stress-Index von Gesundheitsförderung Schweiz, Universität Bern und ZHAW ergänzt diese Einordnung, indem er Stress als Verhältnis zwischen Anforderungen und verfügbaren Ressourcen versteht.

Zusammengenommen machen diese Quellen die Spannung präziser: Die Schweiz bietet weiterhin starke äussere Arbeitsbedingungen. Gleichzeitig zeigen mehrere Datenpunkte, dass die tatsächliche Arbeitserfahrung nicht automatisch dieselbe Qualität hat — etwa bei Belastung, Erholung, Orientierung, Ressourcen und emotionaler Bindung.

Ein Blick nach Deutschland ist hier ein nützlicher Spiegel. Gallup misst dort denselben Engagement-Indikator seit 2001 und veröffentlicht zusätzlich einen detaillierten nationalen Engagement Index, wie er für die Schweiz nicht vorliegt. Der Engagement Index Deutschland 2025 beziffert die jährlichen Produktivitätsverluste durch geringe emotionale Bindung auf 119 bis 142 Milliarden Euro. Emotional hoch gebundene Mitarbeitende fehlen deutlich seltener als Beschäftigte ohne emotionale Bindung: 5,7 gegenüber 9,7 Tagen pro Jahr, eine Differenz von rund 41 %. Auch in der Einstiegsphase zeigen sich frühe Signale: Von den Beschäftigten mit weniger als zwölf Monaten Betriebszugehörigkeit sucht jeder Fünfte bereits aktiv nach einer neuen Stelle, weitere 15 % sind offen für Alternativen, und nur 21 % bewerten ihr Onboarding als ausgezeichnet.

Diese Zahlen lassen sich nicht eins zu eins auf die Schweiz übertragen. Anders als für Deutschland liegt für die Schweiz öffentlich kein eigener Gallup Engagement Index vor; die Schweizer Daten zeigen daher zunächst den Befund, nicht abschliessend die Ursache. Gleichzeitig machen sie deutlich: Emotionale Bindung ist nicht nur eine Frage von Haltung oder Stimmung. Sie kann sich konkret zeigen in Fehlzeiten, früher Wechseloffenheit, Produktivität und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Damit wird ein blinder Fleck sichtbar, der in klassischen Steuerungsgrössen schwer abzubilden ist. Qualifikation, Erfahrung, Funktionsfit, Leistungsnachweise, Zufriedenheitswerte und Marktdaten sagen etwas darüber aus, was eine Person leisten kann und wie sie ihre Rahmenbedingungen bewertet. Sie sagen weniger darüber aus, welche innere Verantwortung jemand im Arbeitsalltag übernimmt, worauf sich Aufmerksamkeit und Energie richten und welche Werte sich unter Druck als handlungsleitend erweisen.

Gerade in stabilen Arbeitsmärkten kann diese Lücke lange verdeckt bleiben. Denn solange Löhne, Reputation und Beschäftigungssicherheit stimmen, wird fehlende Bindung leicht mit allgemeiner Zufriedenheit verwechselt. Eine Zone, die meist erst sichtbar wird, wenn ihre Folgen bereits da sind: zurückgehaltene Initiative, verzögerte Eskalation, stiller Rückzug. Erst beim Austritt hinterlässt sie eine Zahl.

Die 8 % der Gallup-Studie sind kein Endurteil, sondern ein Hinweis auf eine Lücke in der üblichen Betrachtung von Arbeit. Für Arbeitgeber stellt sich die Frage, was Menschen im Alltag tatsächlich mit Aufgabe, Verantwortung und Organisation verbindet. Für Mitarbeitende stellt sich die Gegenfrage: Erlebe ich in dieser Organisation, was ich brauche, um meine Energie und Verantwortung einzubringen?

Beide Fragen verlangen Instrumente, die feiner messen als Zufriedenheit und früher reagieren als Kündigung, Instrumente, die sichtbar machen, worauf Aufmerksamkeit, Motivation und Werte einer Person tatsächlich gerichtet sind. Die eigentliche Bedeutung der 8 % liegt deshalb weniger in der Zahl selbst als in der Frage, die sie aufdrängt: Was messen wir, wenn wir Arbeit bewerten, und was bleibt unsichtbar, solange niemand kündigt?


Quellen und weiterführende Studien

  1. Gallup, Inc. State of the Global Workplace 2026 — Switzerland country data, Daten 2025.
  2. Travail.Suisse / Berner Fachhochschule. Barometer Gute Arbeit 2025.
  3. Bundesamt für Statistik. Schweizerische Gesundheitsbefragung: Arbeitsbedingungen und Gesundheitszustand 2012–2022, publiziert Mai 2024.
  4. Gesundheitsförderung Schweiz, Universität Bern, ZHAW. Job-Stress-Index.
  5. Universität Zürich, Stellenmarkt-Monitor Schweiz / Adecco-Gruppe Schweiz. Fachkräftemangel-Index Schweiz 2025.
  6. Engagement Index Deutschland 2025. Veröffentlicht März 2026.


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Czwalina Consulting AG begleitet Unternehmen und Führungskräfte in Executive Search, Assessment, Leadership-Entwicklung und organisatorischer Transformation. Seit über dreissig Jahren arbeiten wir an der Frage, wie Führung wirksam, verantwortungsvoll und menschlich bleibt. In unserer Arbeit nutzen wir unter anderem wertebasierte Diagnostik, um neben Qualifikation und Erfahrung auch Werte, Motive und Haltung sichtbar zu machen.

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