Was transportieren wir mit KI, dem «schnellsten Fahrzeug», das wir je hatten?

Es war um die Jahrtausendwende, in Prag. Johannes Czwalina durchstöberte eine Buchhandlung mit alten Büchern. Zwischen den Regalen fand er einen Zeitungsartikel, geschrieben auf den Tag genau hundert Jahre zuvor. Die Autoren blickten voller Zuversicht auf das kommende Jahrhundert: Dampfmaschine, Glühbirne, Eisenbahn. Das neue Jahrhundert werde ein Jahrhundert des Lichtes sein.

Technisch lagen sie richtig. Aber vor lauter Technikfaszination hatten sie offenbar das Wichtigste ausgeblendet:  was diese Fahrzeuge transportieren würden,

Am 12. März erzählte Czwalina diese Geschichte im Pavillon der Gedenkstätte Riehen. Rund fünfzig Führungskräfte hörten zu. Den Nachmittag eröffnete Michael Czwalina, durch das Programm führte Moderatorin Ruth Wolf.

Technologie schafft Kapazität. Werte geben Richtung

Dr. Ulrich Vogel, Gründer von profilingvalues, begann seine Rede mit dem Hinweis auf eine Begegnung. Der CEO eines Unternehmens mit über 5.000 Mitarbeitenden hatte ihn aufgesucht. «Wir haben Transformation, Agiles Working, alle möglichen Tools. Warum haben wir trotz des grossen Aufwandes eine so geringe Wirkungskraft?

Vogels Antwort: Nicht mangelnde Technologie bremst, sondern mangelnde Richtung. KI beschleunigt, was bereits da ist. Aber sie fragt nicht, was ein Unternehmen wirklich will. Das muss der Mensch wissen, bevor er die Technologie einsetzt.

Er zeigte einen Fall aus seiner Praxis. Ein Hochleistungsträger, intern sehr geschätzt, sollte in die nächste Führungsebene aufsteigen. In der Diagnostik zeigte sich jedoch eine zentrale Lücke: Was diese Person jenseits der Ergebnisse motivierte und was ihr wirklich wichtig war, blieb unklar – für sie selbst ebenso wie für die Organisation. Mehr Verantwortung und mehr Tempo trafen damit auf ein ungeklärtes Fundament. Die Leistung war sichtbar, die Risiken dahinter zunächst nicht. Später kam es zu einem deutlichen Einbruch. In den Leistungsdaten hatte sich das nicht abgezeichnet – und auch KI hätte dieses Signal kaum erfasst.

«Technologie schafft Kapazität. Werte geben Richtung.»
Dr. Ulrich Vogel

Dr. Ulrich Vogel bei seiner Keynote «Führung zwischen Kompass und KI».
Dr. Ulrich Vogel bei seiner Keynote «Führung zwischen Kompass und KI».

Ein Unternehmen in den USA führte KI in der Rekrutierung ein. Im Setup: Bewerber über 50 automatisch ausschliessen. Niemand prüfte das Ergebnis. Es war Diskriminierung, und niemand hatte es gemerkt.

Hans-Jürg Schürch, Leiter Human Resources der fenaco Genossenschaft, erzählte diesen Fall. Er weiss, wovon er spricht: Er hatte fünf Jahre damit verbracht, das HR eines Unternehmens mit über 20.000 Mitarbeitenden vollständig zu digitalisieren, KI eingeschlossen. Sein Punkt: KI macht, was man ihr sagt. Wenn niemand nachfragt, ob das Ergebnis stimmt, merkt es auch niemand. Am Ende muss immer der Mensch das Resultat austragen. KI sollte nie zum Ersatz für verantwortungsvolles Urteilen werden, sondern immer sein Diener bleiben.

«Das Tempo verändert sich. Die Verantwortung bleibt bei uns Menschen.»
— Hans-Jürg Schürch

Volle Aufmerksamkeit im Saal: Teilnehmende beim Praxisreferat von Hans-Jürg Schürch, fenaco.
Volle Aufmerksamkeit im Saal: Teilnehmende beim Praxisreferat von Hans-Jürg Schürch, fenaco.

KI sei ein neues Transportmittel, sagte Czwalina, noch viel schneller als alles bisher Vorstellbare. Aber es transportiert, was wir hineinlegen: unsere Überzeugungen, unsere Werte, unsere Entscheidungslogiken oder eben deren Abwesenheit.

Johannes Czwalina beim Schlussreferat: «Der Markt hat keine Seele — aber Unternehmen brauchen eine.»
Johannes Czwalina beim Schlussreferat: «Der Markt hat keine Seele, aber Unternehmen brauchen eine.»

Michael Czwalina fasste es am Ende so zusammen: Was das Unternehmen seit über 35 Jahren antreibe, sei immer noch die gleiche Erkenntnis. KI mache diese nicht kleiner, sondern dringlicher.

Was Fahrzeuge transportierten, entschieden die Menschen, die sie nutzten. Menschen kennen Menschen. Algorithmen kennen Menschen nicht

Impressionen des Anlasses


Die CC Czwalina Consulting AG, gegründet 1993, begleitet Unternehmen und Führungskräfte in Fragen von Leadership, Transformation, Personalentwicklung, Talentgewinnung und organisatorischem Wandel. Unsere Vision ist es, die Arbeitswelt zu einem besseren Ort zu machen. Gemeinsam gestalten wir die Arbeit von morgen. CC Czwalina’s Grundfrage ist seit dem ersten Tag dieselbe: Was bewegt Menschen wirklich — und wie bauen wir Organisationen, die das ernst nehmen?

Alle Nachrichten anzeigen
Teilen Sie diesen Artikel